Wenn sich das Nest leert und das Herz rebelliert

Es traf mich wie ein Blitzschlag – plötzlich war ich wieder auf unserer Insel. Türkises Wasser, angenehmer Wind und überall Palmen. Die offene Terassentür des kleinen vertrauten Ferienhauses und der besondere unverwechselbare Meeresduft, der unseren alljährlichen Sommerurlauben diese besondere Note gab.                 

So unendlich viele schöne Momente mit der Familie. So unendlich viele…. unwiederbringlich…. Erinnerungen auf Polaroid und in meinem Herzen.

 Es war eine der Rückreisen, als wir endlos lange am Flughafen warten mussten, als Sophie (* Name geändert) aus Langerweile diesen Aufkleber der Fluggesellschaft auf ihren Alukoffer klebte. Ich erinnere mich als wäre es gestern gewesen….Drei rote Buchstaben auf blauem Grund…

Auf genau den Alukoffer, dessen verkeiltes Rollrad jetzt – Jahre später – gerade mit einem unangenehmen Klackern über die Gehwegplatten unserer Einfahrt Richtung Umzugswagen gezogen wurde.

Im Nachhinein ist es immer diese Szene, die mir in den Sinn kommt, wenn ich an Sophies Auszug denke.

Viele Wochen sind seit diesem Tag vergangen und eine neue Routine sucht noch immer ihren Weg in meinen, unseren Alltag.

Wenn es nur nicht so still wäre im Haus!….

Sophie war viel unterwegs zuletzt – das schon, aber ihre Lebendigkeit und ihr sonniges Wesen füllten auch dann unser Heim, wenn sie nicht anwesend war. Am Anfang hat sie noch häufig angerufen und die vielen neuen Eindrücke sprudelten nur so aus ihr hervor. Mit der Zeit nimmt es aber spürbar ab und zumindest ihrerseits ist die Abnabelung offensichtlich gut geglückt.

Immer wieder stimme ich meinen lieben Freundinnen innerlich zu, die mir zu der bemerkenswerten Selbständigkeit meiner – unserer – Tochter gratulieren. Nein, was für ein großes Glück…..Du kannst soooo stolz sein….Und dann gleich einen begehrten Studienplatz ergattert….sogar an der gewünschten Uni….Und WG-Zimmer auch noch gefunden nebst Nebenjob?!…Ja, was will man denn da mehr?!……Du musst die stolzeste Mutter weit und breit sein….Du Glückliche!!!!…..

Mein Verstand stimmt dem vollkommen zu, fühlt sich auch auf angenehme Weise geschmeichelt. Pflichtschuldig setze ich dann immer eine dankbare Miene auf. Aber das Gefühl dazu will und will sich einfach nicht einstellen. Ich spüre weiterhin einen dumpfen Schmerz in der Brust und noch immer krampft sich alles in mir zusammen, wenn ich an Sophies Zimmer vorbeigehe. Ich fühle mich regelrecht verlassen….

Zunächst habe ich gedacht, ach das wird schon werden. Es braucht im Leben nun mal alles seine Zeit – aber nun fehlt mir allmählich nicht nur meine Tochter, sondern eigentlich meine komplette Lebensfreude und Leichtigkeit. Ich möchte mich abfinden mit dem Unabänderlichen, aber wenn ich ehrlich bin, weiß ich nicht, was ich mir stattdessen wünsche. Das macht mir Angst!

Freu Dich doch – jetzt hast Du Zeit die Dinge zu machen, die Du möchtest. Du musst Dich nach niemandem mehr groß richten und Du kannst tun und lassen, wonach Dir der Sinn steht. Das Buffet des Lebens hat für Dich aufgetischt: Bedien‘ Dich!….

Etwa so lauten die gutgemeinten Ratschläge meiner Freundinnen und ich spüre nichts außer einer tiefen Leere.“*

(* genehmigter Auszug aus den Schilderungen einer Klientin, Troisdorf 2021)

Wenn Eltern, insbesondere Mütter nach dem Auszug der Kinder in eine ausgeprägte Gefühlslage von Einsamkeit und Trauer geraten, sprechen Psychologen von dem sogenannten „Empty-Nest-Syndrom“ (Leeres-Nest-Syndrom).

In besonderen Fällen kann sich aus dieser Sinnkrise eine Depression ausbilden, welche in dem Fall ärztlicher Betreuung bedarf.

Damit es nicht so weit kommt, ist es hilfreich, diese Phase frühzeitig mit all den darin aufkommenden Emotionen bewusst anzunehmen und sich damit aufmerksam auseinanderzusetzen.

Jetzt ist kein Platz für „aufgesetztes Heldinnentum“ oder „guter Miene zum bösen Spiel“. Jetzt geht es darum zuzulassen, was ist und behutsam zu erforschen, wie es in dem neuen Lebensabschnitt weitergehen könnte. Oftmals haben Betroffene es über die Jahre der Kindererziehung schlichtweg verlernt, sich und die eigenen Bedürfnisse wieder in den Blick zu nehmen. Das kann sehr befreiend und spannend sein!!

Eine Anleitung zum Loslassen gibt es leider nicht! Aber es gibt viele bewährte Anregungen, die die Anpassung an diesen nächsten wichtigen Lebensabschnitt für alle Beteiligten deutlich leichter machen!

Und auch wenn das Umfeld unterstützen und trösten möchte, ist es doch häufig die neutrale Distanz eines begleitenden Coaches, die den Durchbruch bringt.

Deswegen…halte es mit Hermann Hesse und entdecke den Zauber Deines Neuanfangs….

Herzlichst,

Deine Arlyn 

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